Indien ist ein Land, das man nicht einfach besucht — man erlebt es. Schon nach wenigen Tagen in Bangalore und New Delhi wird klar, dass hier wirtschaftlich, technologisch und gesellschaftlich eine enorme Dynamik herrscht.
Im Rahmen der Studienreise Indien 2026 der UBIT Kärnten durfte ich als Teilnehmer vor Ort einen intensiven Einblick in diesen Markt gewinnen. Die Gespräche, Unternehmensbesuche und Roundtables haben ein sehr klares Bild gezeichnet: Indien ist längst nicht mehr nur ein Ort für Auslagerung, sondern ein strategischer Standort für Wachstum, Innovation und neue Formen der Zusammenarbeit.
Von Outsourcing zu Wertschöpfung
Ein Begriff, der auf dieser Reise immer wieder gefallen ist, war Global Capability Center oder GCC. Gemeint ist damit nicht bloß ein klassisches Outsourcing-Modell, sondern ein eigenständiger Kompetenzstandort eines Unternehmens in Indien, an dem Entwicklung, Technologie, Prozesse, Analytics und oft auch strategische Funktionen gebündelt werden.
Genau darin liegt die eigentliche Veränderung: Es geht nicht mehr nur darum, Arbeit günstig auszulagern. Es geht darum, in Indien einen Standort aufzubauen, der selbst Wertschöpfung schafft, Innovation ermöglicht und zum internationalen Unternehmenserfolg beiträgt. Das war einer der spannendsten Eindrücke dieser Reise, weil er zeigt, wie sehr sich die Rolle Indiens im globalen Wirtschaftssystem verändert hat.
Bangalore als Tech-Motor
Bangalore hat diesen Wandel besonders eindrucksvoll sichtbar gemacht. Bei der Karnataka Digital Economy Mission wurde deutlich, wie konsequent der Bundesstaat Karnataka seine digitale Wirtschaft ausbaut und gezielt fördert. Mit Initiativen wie „Beyond Bengaluru“ soll Innovation nicht nur in der Metropole bleiben, sondern auch in andere Städte wie Mysuru, Mangaluru, Hubballi und Belagavi getragen werden.
Gerade dieser dezentrale Ansatz ist bemerkenswert. Indien ist eben nicht nur ein Markt, sondern ein System aus Regionen, Staaten und Wirtschaftsräumen, die miteinander konkurrieren, um Unternehmen, Talente und Investitionen. Dieser Wettbewerb ist kein Nachteil, sondern oft der eigentliche Treiber von Geschwindigkeit.
KI als Produktivitätshebel
Ein weiteres zentrales Thema war Künstliche Intelligenz. Bei Deloitte, Zoho und in weiteren Gesprächen wurde deutlich, dass KI in Indien nicht als abstrakte Zukunftsvision betrachtet wird, sondern als praktisches Werkzeug für Produktivität, Skalierung und neue Geschäftsmodelle.
Besonders eindrücklich war das Gespräch mit dem CEO von Zoho. Seine Aussage war sinngemäß, dass KI die Produktivität steigert, Mitarbeitende in neue Rollen bringt und Wachstum ermöglicht, ohne dass man zwangsläufig abbauen muss. Diese Haltung ist interessant, weil sie KI nicht als Bedrohung, sondern als Entwicklungschance versteht.
Unternehmerische Energie
Auch die persönlichen Begegnungen haben einen starken Eindruck hinterlassen. Das Treffen mit dem CEO von Droom war eines dieser Gespräche, die in Erinnerung bleiben. Seine Geschichte ist bemerkenswert: vom Analysten zum Gründer von zwei Unicorns, mit einer Unternehmensentwicklung, die zeigt, wie viel unternehmerische Energie in Indien steckt.
Droom selbst ist ein gutes Beispiel für die digitale Reife des Marktes. Das Unternehmen denkt den Automobilhandel datengetrieben, skalierbar und kundennah und zeigt damit, wie stark sich digitale Geschäftsmodelle in Indien bereits etabliert haben. Genau solche Beispiele machen deutlich, dass Indien nicht nur ein Produktionsstandort ist, sondern auch ein Ort für Unternehmertum und Innovation.
Kerala und Karnataka
Spannend war auch der Blick auf die föderale Struktur des Landes. In New Delhi hatten wir ein Gespräch mit dem Kerala IT Ecosystem, das sehr klar zeigte, wie eigenständig sich die Bundesstaaten positionieren. Kerala setzt stark auf Technologie, Talententwicklung, Startups und den Ausbau von Hubs wie Technopark, Infopark und Cyberpark.
Damit wird sichtbar, dass in Indien ein echter Wettbewerb zwischen den Regionen herrscht. Karnataka, Kerala und andere Bundesstaaten bemühen sich sehr aktiv darum, digitale Kompetenzzentren, Investitionen und internationale Unternehmen anzuziehen. Für europäische Unternehmen ist das eine wichtige Erkenntnis, weil Standortwahl in Indien immer auch eine regionale Strategiefrage ist.
Industrie, Fertigung und Tiefe
Neben Software und Services haben auch die Unternehmensbesuche bei SFO Technologies, NoPo Nanotechnologies und VVDN gezeigt, wie breit Indien technologisch aufgestellt ist. Hier geht es nicht nur um IT, sondern auch um Engineering, Fertigung, Hightech-Materialien, 5G, IoT, AI/ML, Automotive und industrielle Wertschöpfung.
Gerade das macht Indien so interessant: Das Land verbindet digitale Kompetenz mit industrieller Skalierung. Für Unternehmen aus Europa eröffnet das enorme Möglichkeiten, wenn sie bereit sind, langfristig zu denken und Partnerschaften wirklich aufzubauen.
Ausblick mit Europa
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das sich abzeichnende Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das die wirtschaftliche Zusammenarbeit künftig deutlich erleichtern dürfte. Der Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen kann für beide Seiten enorme Chancen schaffen, besonders in Bereichen wie Technologie, Industrie, Automotive und Dienstleistungen.
Für europäische Unternehmen wird Indien dadurch noch relevanter. Und umgekehrt wird auch Indien für Europa ein noch wichtigerer Partner, wenn es um Wachstum, Digitalisierung und industrielle Kooperation geht. Diese Reise hat sehr klar gezeigt, dass sich hier gerade ein wirtschaftlicher Raum mit großem Zukunftspotenzial formt.
Mein Eindruck
Mein persönlicher Eindruck von Indien ist eindeutig: Das Land ist riesig, komplex, laut, schnell und gleichzeitig unglaublich energiegeladen. Mit 1,5 Milliarden Menschen, einem großen Talentpool und einer starken unternehmerischen Kultur ist Indien ein Markt, den man ernst nehmen muss.
Was mich besonders beeindruckt hat, war nicht nur die Größe, sondern die Richtung. Indien denkt nach vorne, baut Standorte aus, fördert Technologie und schafft Strukturen, die weit über klassisches Outsourcing hinausgehen. Wer hier Chancen sucht, findet nicht nur einen Markt, sondern einen echten Wachstumspartner.
Euer Marc Gfrerer
Vorsitzender SIC Software Internet Cluster



